Håkan Nesser - btb Verlag

Rute, August 2011

Der Tag des Arne

Als ich ein Kind war, kannte man großeTeile des Familienkalenders auswendig. Besonders die Namenstage, und es waren nicht nur die Streber, die sie drauf hatten, sondern auch wir ganz normalen Sterblichen. Wie beispielsweise die “Frauenwoche”: Sara, Margareta, Johanna, Magdalena, Emma, Kristina.

Und dann Anfang August – Per, Karin, Tage, Arne, Ulrik, Sixten – ja, das war in aller Munde. Die heutige jüngere Generation starrt mich nur an, wenn ich anfange, die Namen herunterzuleiern und denkt vermutlich, dass es wohl besser wäre, wenn der Alte stattdessen lernen würde, mit seinem iPhone umzugehen. Oder wie man Fotos vom Computer auf den Fernseher kriegt. Oder sich zumindest bei Facebook anzumelden.

Doch das ist mir egal. Ich sitze auf der Terrasse und esse in majestätischer Einsamkeit mein Frühstück. Es ist viertel nach sieben. Das Haus schläft noch. Norton und ich, wir sind bereits eine Stunde lang gewandert. Ja, er liegt übrigens auch hier und schaut in die gleiche Richtung wie ich. Nämlich über das wogende Wiesengras hinweg. Über den fast weißen Sand unten am Strand, über das sich leicht kräusenlnde Meer Richtung Fjaugen und Kyllaj. Eine Schwanenfamilie schwimmt vor dem Schilfgürtel bei Lergravshållet, es ist fast windstill und der Himmel ist blau wie Blauer Heinrich. Ich denke Oioioi, und dann denke ich, dass Arne heute Namenstag hat und dass es bald Herbst ist. Eine einsame Waldtaube gurrt wehmütig zwischen den Fichten. Die anderen Vögel sind verstummt.

Und dann denkt man an Norwegen. Das erscheint unvermeidlich.

Seit es passiert ist, das Widerwärtige in Oslo und auf Utøya, habe ich ungefähr ein Dutzend Emails aus verschiedenen Teilen der Welt bekommen. Aus den USA, aus England, aus Deutschland und Italien. Sie betrafen durchgängig Buchfragen – Übersetzungen, Verträge, Planung von Gastvorträgen und Ähnliches – aber alle, ausnahmslos alle, haben Norwegen erwähnt. Das Schreckliche, das in unserem Nachbarland passiert ist. The unfathomable tragedy, wie jemand schrieb.

Vielleicht ist es genau das Wort, das es am besten trifft. Unfathomable. Außerhalb unseres Fassungsvermögens. Und die Antwort des norwegischen Volkes, die wird von den meisten Mailschreibern auch aufgegriffen. Wie es sich aufrichtet. Die Solidarität. Der Mut. Der Humanismus.

Dem möchte ich nur zustimmen. Aber auch zugeben, dass meine unmittelbare Reaktion, als ich das Foto dieses lächelnden Massenmörders in der Zeitung sah, den Wunsch enthielt, dass er langsam zu Tode gefoltert werden sollte. Mindestens zehn, zwanzig Jahre lang. Gezwungen werden sollte – mit Gewalt wirklich gezwungen werden sollte zu begreifen, was er getan hat. Um ihn so schmerzhaft wie möglich zu der Einsicht zu bringen, wessen er sich tatsächlich schuldig gemacht hat.

Und hört verdammt noch mal auf, ihn mit so viel Respekt zu behandelt! – das dachte ich auch ein paar Tage später. Hört auf, über ihn zu schreiben, als wäre er eine interessante und faszinierende Persönlcihkeit! Siedet ihn statt dessen in Öl! Morgens und Abends! Ja, der zivilisatorische Firniss über meinem Reptilgehirn scheint in diesen Tagen dünn und brüchig zu sein. Meine gesunde Menschenvernunft ist am Schwanken, und stattdessen rückt das atavistische alte Rachesystem ein. Wobei ich vermutlich nicht allein bin. Ich weiß, ich soltle es nicht, ich weiß, man sollte versuchen zu verstehen und zu analysieren, aber ich hasse diesen Teufel.

Genug mit diesem Stigma. Hut ab vor dem norwegischen Volk. Deckel drauf auf das Reptilgehirn.

Wie gesagt, der Herbst kommt, das kündigt Arne an. Für den Unterzeichnenden bedeutet das wie üblich einige Reisen und einige Gespräche. Mein neues Buch Himmel über London wird als Fortsetzungsroman in der DN den Sommer über abgedruckt und liegt jetzt bereits auf den Buchhändlertresen. Ist zu hoffen, dass die Leser ihn annehmen. Obwohl es mein vierundzwanzigster – vielleicht auch fünfundzwanzigster – Roman ist, spüre ich die vertraute Unsicherheit. Und wenn ihn nun kein Mensch mag. Wenn er verhöhnt, verspottet, verlacht wird.

Nun ja, wir werden sehen. Wer A sagt muss auch B sagen und so weiter, aber das habe ich bereits gewusst, als ich vor mehr als zwanzig Jahren damit angefangen habe. Und wenn man Herrn Nesser nicht mehr sehen und hören mag, dann sollte man möglichst folgende Orte an bestimmten Tagen in den nächsten Monaten vermeiden:

Visby-Havdhem-Hallstahammar-Hallsberg-Uppsala-Stockholm-Furillen-Eskilstuna-Västerås-Sollentuna-Sonderborg-Husum-Flensburg-Hamburg-Lerbäck-Göteborg-Stockholm noch einmal-Kinna-Vänersborg-Göteborg noch einmal-Dalsland irgendwo, noch unklar, wo-Helsingborg-Malmö-Arlöv-Lomma-Örebro-Svalbo sowie Vimmerby.

Anschließend sollte man England vermeiden, insbesondere London und gewisse Orte in der Grafschaft Somerset. Aber mehr darüber, wenn die Nebel sich über die Heide gelegt haben. Auch von dort soll es ein Buch geben.

Und irgendwelche Lesetipps? Nun ja, aufgrund übertriebener Beschäftigung mit der Tomatenzucht habe ich nur Murakami, die Bibel und Uwe Tellkamp im Laufe des Sommers gelesen, deshalb müssen sie dieses Mal ausbleiben. (Tellkamp ist ganz gut, aber ich bin erst bei der Hälfte, und man sollte wohl in Dresden gelebt haben, um voll und ganz davon zu profitieren. Murakami ist mir unbegreiflich, und von der Bibel haben sich ja wohl die meisten bereits ein Bild gemacht.).

Als Letztes registriere ich, dass ein Schaffner in Kumla einen Elfjährigen aus dem Zug geworfen hat. In den Sechzigern pflegte man stattdessen langsamer zu fahren und uns Schwarzfahrer in Sannahed rauszuschmeißen – und man wartete damit, bis wir Jugendliche waren und ins Gymnasium gingen. Die Zeiten ändern sich.

Ihr Vertrauter

Håkan Nesser

 

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

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2011