Håkan Nesser - btb Verlag
Håkan Nesser

© Paul Brissmann

»In Deutschland gibt es die besten Leser«

Interview von Nele Rummert, Juli 2009

Morgens, 10.30 Uhr in Deutschland: Ein Telefoninterview mit dem Bestsellerautor Håkan Nesser steht an. Nach kurzem Klingeln ertönt eine ebenso raue wie warme Stimme. Freundlich und offen ist der Schriftsteller, und die angenehme Atmosphäre hält während des Interviews an. Aber Interview? Nein, eigentlich ist es eher wie eine Kaffeepause, die man für eine nette Plauderei nutzt. Nur eben heute mit Håkan Nesser, der weltweit, aber vor allem in Deutschland, Millionen Leser mit seinen Krimis begeistert. Nun sitzt er in Schweden am anderen Ende der Leitung, mit einer Tasse des braunen Heißgetränks vor sich, und ein Gespräch über seinen Werdegang und Alltag als Autor sowie den Erfolg schwedischer Autoren in Deutschland beginnt.

Sie sind in Deutschland schon öfter auf Lesereise gegangen. Gibt es etwas, das Sie fasziniert hat?

Ja! Ich sollte einmal eine Lesung in Köln halten – an einem Samstagabend! Ich hielt das für keine gute Idee, weil ich dachte: Wer geht an einem Samstagabend aus, um einem Autor zuzuhören. Die Leute gehen doch viel lieber ins Kino, zu Konzerten oder so. Aber es war voll! Ein paar Hundert Menschen kamen meinetwegen. Ich habe die Besucher gefragt, warum sie da seien, und sie antworteten alle so etwas wie: Nun, weil wir einfach Ihre Bücher mögen. Und das an einem Samstagabend! So etwas gibt es nur in Deutschland.

In Deutschland sind Krimis von schwedischen Autoren außerordentlich erfolgreich, Sie selbst gehören zu den Bestsellerautoren. Was ist das Besondere an Krimigeschichten, die aus Schweden kommen?

Fragen Sie die Deutschen! (lacht) Nein, im Ernst: Man kann es nicht so genau sagen, warum gerade schwedische Autoren dermaßen erfolgreich sind. Wir sind alle so unterschiedlich. Unsere einzige Gemeinsamkeit besteht darin, dass wir ursprünglich alle in unserer Muttersprache Schwedisch schreiben. Das ist alles. Wissen Sie, zu viele Schweden schreiben zu viele Schwedenkrimis. Sie wollen auf den Zug aufspringen und auch ein Stück der Torte bekommen. Deutschland ist der wichtigste Markt für uns, denn hier funktioniert schwedische Krimiliteratur. In Deutschland gibt es tatsächlich die besten Leser. Ich war eigentlich schon überall, aber in Deutschland ist die Leserschaft besonders. Ich frage mich selbst oft: Warum mögen Deutsche uns so sehr?

Denken Sie, dass es eine Art »Erbschaft« von der in Deutschland sehr bekannten und beliebten Autorin Astrid Lindgren ist?

Astrid Lindgren spielt sicher eine sehr wichtige Rolle bei dem Ganzen, denn die Deutschen fangen bereits als Kinder an, ihre Geschichten von beispielsweise Pippi Langstrumpf zu sehen oder zu lesen. Außerdem haben sie ein ganz bestimmtes Bild von Schweden vor Augen: kleine, rote Hütten, viel Platz und viel Natur – als wenn es ihre Heimat wäre. Warum auch immer: Die Deutschen haben einfach eine enge Bindung zu Schweden.

Wann haben Sie angefangen zu schreiben – und aus welchen Gründen?

Ich war 38, als mein erstes Buch 1988 in Schweden erschien; ich war also kein junger Autor mehr. Aber für mich war dieser Beruf sofort Genuss pur. Ich habe Mitte der 80er angefangen zu schreiben, und es gab keine konkreten Gründe, warum ich es tat. Ich war schon immer liebend gerne Leser und habe irgendwann eben auch begonnen zu schreiben. Als ich einmal angefangen hatte, konnte ich nicht mehr aufhören. Ich genieße es zu schreiben. Es muss ja jemanden geben, der den Leuten Geschichten erzählt. Und ich mag es, Leser und Schreiber zu sein. Es ist für mich wie eine Droge.

Wollten Sie schon immer Krimis schreiben?

Nein, mein erster Roman mit dem Titel »Der Choreograf« war zum Beispiel ein Liebesroman. Er ist 1988 veröffentlicht worden, ist aber nicht in Deutschland erschienen. Erst 1993 kam der erste Krimi mit dem Titel »Das grobmaschige Netz« auf den Markt. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, dieses Genre zu bedienen. Erst nach 40, 50 Seiten habe ich selbst gemerkt, in welche Richtung es geht, und dann wurde eine Krimigeschichte daraus.

Wie kommen Sie denn überhaupt auf Ihre Ideen, was inspiriert Sie?

Das weiß ich selbst nicht so genau. Es ist ein automatischer Prozess, der da abläuft. Du brauchst natürlich eine gute Geschichte zum Erzählen. Aber ich jage nicht danach. Manchmal habe ich eine gute Idee, die ich versuche im Kopf zu behalten, um sie später umzusetzen. Eine Idee reicht ja. Wichtig ist eben immer, dass man schreiben muss, bevor man den Gedanken wieder verliert. Das gilt auch beim Entstehungsprozess selbst.

Apropos Entstehungsprozess – wie lange brauchen Sie, um ein Buch fertigzustellen?

Nun, ich ver&oum;ffentliche etwa ein Buch pro Jahr. Natürlich kann man keine allgemeingültige Aussage machen, aber es dauert ungefähr fünf bis sechs Monate, bis die Endfassung steht. Es ist natürlich auch eine ganze Menge Recherche nötig. Ich habe zudem Polizisten in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Das hilft mir natürlich bei meinen Krimis, wenn ich zum Beispiel fragen kann: Was würdet ihr in dieser oder jener Situation tun? Die erste Rohfassung eines Buches ist eigentlich sehr schnell fertig; das Überarbeiten, Umschreiben und Verbessern bis zur endgültigen Ausgabe nimmt hingegen mehr Zeit in Anspruch. Während dieses Entstehungsprozesses eines Buches bin ich sehr sensibel, was Kritik angeht. Aber sobald ich fertig bin, möchte ich sie gerne hören.

Wer bekommt denn Ihre Bücher als Erste zu lesen?

Meine Frau ist diejenige, die normalerweise meine Bücher als Erste liest, oder ich lese sie ihr vor. Ihre Meinung bedeutet mir sehr viel. Sie ist Ärztin und kann mir auch aus dieser Perspektive oft noch Tipps geben. Aber wichtig ist eben immer, dass meine Bücher zu dem Zeitpunkt, wenn sie jemand liest, fertig oder fast fertig sind. Die Ratschläge, die ich dann bekomme, arbeite ich ein – oder auch nicht. Die Grundregel ist dabei immer: Ich habe das letzte Wort. Es gibt am Ende nur einen Schreiber und einen Leser. Deswegen ist es wichtig, dass die Geschichte so erzählt wird, wie ich es als Autor und Absender möchte. Meine Bücher sollen so sein, wie ich es möchte.

Der Roman »Kim Novak badete nie im See von Genezareth« wird als Lektüre in schwedischen Schulen verwendet – was für ein Gefühl ist das?

Als ich die Bücher »Kim Novak badete nie im See von Genezareth« sowie »Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla« schrieb, habe ich im Leben nicht daran gedacht, dass das Schulliteratur werden könnte. Aber jetzt gefällt es mir. Ich bin früher selbst Lehrer gewesen, unter anderem auch für Schwedisch, und ich liebe Bücher – das habe ich schon immer getan. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, Bücher zu finden, die für den Unterricht geeignet sind. Meine Bücher kommen anscheinend bei den Schülern gut an, und das ist ein tolles Gefühl, denn das heißt, dass ich neben älteren auch jüngere Generationen ansprechen und begeistern kann.

Sie haben bereits Ihre zweite Krimiserie mit Inspektor Barbarotti veröffentlicht. Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Momentan sind fünf Barbarotti-Bücher geplant. Das dritte erscheint im August bei BTB. Ich denke, dass ich nach Barbarotti mit den Buchserien aufhöre. Ich habe mir vorgenommen, dann nur noch Buch für Buch zu schreiben, eher klassische fiktionale Romane. Zurzeit sitze ich bereits neben dem vierten Barbarotti-Fall an einem »normalen« Roman, der in London spielt. Eigentlich möchte ich das Genre Krimi verlassen. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es doch noch einmal eine neue Inspektorenfigur oder eine Krimigeschichte gibt – sag niemals nie. Wenn eine Idee kommt, kommt sie.

Mit freundlicher Genehmigung © BeNet Gütersloh, 2009

 

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