Håkan Nesser - btb Verlag
Håkan Nesser

© Paul Brissmann

Wie man ein Meisterwerk schreibt

Es war im Herbstsemester Ende der Achtziger Jahre.

Ich hatte eine Theatergruppe zugewiesen bekommen. Acht fünfzehnjährige Mädchen, zwei Stunden in der Woche, das gesamte Schuljahr über.

"Was wollen wir spielen?", fragte ich.

"Hamlet", antworteten die Mädchen unisono.

"Hamlet?", fragte ich nach.

"Hamlet", bestätigten die Mädchen.

Also war es beschlossen. Ich ging zum Buchladen und kaufte acht Hamlets, wir machten uns ans Werk. Nach einigen Treffen fingen wir an, den Text zu streichen. Es war zu viel auswendig zu lernen, und im Hinblick auf das zu erwartende, ziemlich junge Publikum konnte es nicht falsch sein.

Wir probten. Strichen. Änderten. Der Herbst verging. Im Dezember, in den Tagen vor den Weihnachtsferien, hatten wir Krisensitzung. Beschlossen, das verdammte Stück vollkommen umzuschreiben.

"Wer soll es umschreiben?", fragte ich.

"Du", antworteten die Mädchen unisono.

"Ich?", fragte ich.

"Du", bestätigten die Mädchen.

Also war das beschlossen. In gut drei Wochen schrieb ich den Hamlet. Es war ein großes Erlebnis. Ich erfuhr, wie William sich gefühlt haben muss. Wie er gezögert haben muss, bevor er den jungen Prinzen nach England schickte, wie er es genossen haben muss, die Degenspitze in Polonius zu bohren, wie er sich durch den großen Monolog gewälzt haben muss, ihn sicher in einem einzigen, berauschenden Atemzug geschrieben hat ...

Das alles geschah, bevor ich Schriftsteller wurde - ja, manchmal habe ich es später erlebt, wie es ist, wenn man eine Erzählung im Kopf hat und versucht, sie in Worte zu fassen. Aber wenn man kein eigenes Buch im Schädel hat, dann kann ich es nur auf das Wärmste empfehlen, einen Klassiker zu schreiben. Wirklich! Und wenn nur als gutes Gegenmittel gegen Untätigkeit und Langeweile. Lesen, das ist großartig, aber schreiben ist vielleicht noch großartiger - einige Stunden seines Lebens in der Illusion zu verbringen, man hieße Jane Austen oder Hjalmar Söderberg oder Robert Musil, ja, das ist wirklich nicht zu verachten.

Doch das Wichtigste - was das ganze Projekt überhaupt möglich macht - ist die Tatsache, dass diese Tätigkeiten so nahe beieinander liegen. Zu lesen und zu schreiben. Der haarfeine Unterschied zwischen ihnen heißt Zeit; es geht schneller, einfach ein Buch zu lesen - aus dem einfachen Grund, dass der Text bereits existiert. Wenn ich ein Buch lese, das ich auch gerade schreibe, muss ich ja erst die Worte produzieren, die ich lesen soll. So sehen nun ein für alle Male die Bedingungen aus.

Aber das Erlebnis, der synapsische Tango des Bewusstseins, ist das gleiche. Das behaupte ich. Das Wiedererkennen, das Unerwartete, das neugierige Suchen, die Identifikation, das Unterbewusstsein, das nach oben steigt und im Text zum Bewusstsein wird, all das findet man im Lesen wie auch im Schreiben. Ich habe die Gedanken über das Schreiben bereits existierender Werke in dem Buch Die Fliege und die Ewigkeit entwickelt, natürlich mit dem großen Borges im Hinterkopf. Über das etwas normalere Zusammenspiel zwischen Autor und Leser ist viel Bedenkenswertes geschrieben worden, da aber jede Erzählung eigentlich ein Gespräch zwischen zwei Personen ist, einem, der erzählt, und einem, der zuhört, ist es faktisch weder der eine noch der andere, der es im Speziellen verdient, unter die Lupe genommen zu werden - sondern die Erzählung selbst.

Die Story. Das Drama.

Denn wir sitzen doch beide darin gefangen da, der Autor wie der Leser - im Griff der Erzählung. Jede Geschichte, die es wert ist, verbreitet zu werden, trägt ihre eigene Logik in sich, ihre eigene Tonart und ihren Stil, ihren natürlichen Umfang und ihr Ende; der hellhörige Leser merkt, wenn sie hinkt, wenn sie Schräglage bekommt oder falsch verläuft. Es ist nicht immer ganz leicht zu erkennen, was falsch ist, das ist wie bei einem Esel, der entweder weitertrottet oder störrisch stehen bleibt.

Und wer weiß schon, was in einem Esel vor sich geht?

Aber alles beginnt mit dem schizophrenen Prozess, der Schreiben heißt - und der beinhaltet, dass der Erzähler (ein Moa Martinson, ein Ian McEwan, ein Dostojewski) dasitzt und sich selbst etwas erzählt.

Und fasziniert zuhört.

Vielleicht gibt es ja noch andere Esel, die sich das anhören mögen?

Denkt man.

Hamlet und die Mädchen?

Ich war während dreier umjubelter Aufführungen für das Licht zuständig. Als ich Hamlets Kopf zum letzten Mal langsam auf Horatios Knien ins Dunkel gleiten ließ - vom blendenden Weiß bis hin zum schwärzesten Schwarz, während das Publikum gebannt den Atem anhielt -, hörte ich ein Flüstern in meinem rechten Ohr.

Gute Geschichte, aber habt ihr nicht einiges verändert?

Das war William.

Uppsala, im Februar 2005
© Albert Bonniers Förlag
aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt