Håkan Nesser - btb Verlag

Wer ist Gunnar Barbarotti?

Håkan Nesser erzählt, wie er erstmals Bekanntschaft mit Gunnar Barbarotti machte:

 

Einfgeführt und vorgestellt wird Gunnar Barbarotti in „Mensch ohne Hund“:

Inspektor Gunnar Barbarotti hätte auch ebenso gut Giuseppe Larsson heißen können.

Als er am 21. Februar 1960 zur Welt kam, waren sein Vater Giuseppe Barbarotti und seine Mutter Maria Larsson sich in einer einzigen Sache vollkommen einig. Sie wollten nie wieder etwas miteinander zu tun haben.

In allen anderen Dingen waren sie unterschiedlicher Meinung. Beispielsweise was den Namen des frischgeborenen Knaben (3880 Gramm, 54 Zentimeter) betraf. Giuseppe war der Meinung, er solle italienisch klingen, Schwedisch war die Sprache von Bauern und Trotteln, und wollte man dem Jungen einen guten Start ins Leben bieten, dann war es wichtig, dass er einen Namen bekam, der etwas taugte.

Mama Maria wollte nicht auf solch gefühlsduseliges südeuropäisches Geschwätz hören. Der Sohn sollte einen gesunden, urnordischen Namen bekommen. Mit einem Makkaroni- und Tangotänzernamen in die Schule zu kommen, würde ihn von Anfang an zum Außenseiter und Sündenbock stempeln. Giuseppe konnte seinen Schnurrbart färben und in wärmere Gefilde reisen, aber mit dem Namen des Jungen hatte er nichts zu tun. Giuseppe erklärte, dass es sich hierbei um eine so wichtige Sache handle, dass er ernsthaft in Erwägung ziehen müsse, sie zu heiraten, wenn Maria weiterhin plane, sich querzustellen, um auf diese Art und Weise seinen rechtmäßigen Einfluss über den Namen seines Erstgeborenen zu erlangen. Und über alles andere auch.

Schließlich kam es zu einem Kompromiss, auf den klugen Rat von Marias älterer Schwester Inger hin, die ganz allein eine Würstchenbude in Katrineholm betrieb. Die italienische Sprache war trotz allem nicht zu verachten, wie sie meinte, und wenn man die Dinge miteinander kombinieren konnte, dann war das Ergebnis oft besser, als wenn man blind auf das Entweder-Oder starrte. Schließlich war Würstchen mit Brot ja auch Würstchen mit Würstchen vorzuziehen. Oder Brot mit Brot.

Also wurde es Gunnar, nach dem dahingeschiedenen und schmerzlich vermissten älteren Bruder der Schwestern, und Barbarotti nach dem Kindesvater – der, noch während die Mutter auf der Wöchnerinnenstation lag, es für das Beste hielt, seine Siebensachen zu packen und zurück nach Bologna zu ziehen. Beide Parteien schienen zumindest zur Hälfte mit der vorgeschlagenen Lösung zufrieden zu sein, und keiner fand, dass Giuseppe Larsson irgendwie vernünftig klang.

Was, wenn man genau sein wollte, besagte, dass sie sogar in zwei Dingen einer Meinung waren.

Als Gunnar Barbarotti von seiner Ehefrau Helena verlassen wurde – vor vier Jahren, im Alter von einundvierzig –, geschah es, dass er seinen Deal mit Gott machte.

Was die Frage der Existenz des Letztgenannten betraf. Seiner eigenen Existenz war sich Gunnar Barbarotti nur allzu schmerzlich bewusst. Er und Helena waren fünfzehn Jahre verheiratet gewesen, sie hatten drei Kinder, und plötzlich – praktisch von einem Tag auf den anderen – feststellen zu müssen, dass man sich auf verbranntem Boden befand, hatte ihn an allem zweifeln lassen. Gottes Dasein oder Abwesenheit stand sicher nicht an erster Stelle auf der Tagesordnung – dort standen eher Fragen nach dem Sinn, den es brachte, sich überhaupt weiterhin abzumühen, und was er falsch gemacht hatte, warum sie nicht früher etwas gesagt hatte, was zum Teufel er abends anfangen sollte, wenn er keine Überstunden machen konnte, und ob es nicht das beste wäre, ganz und gar den Job zu wechseln. Aber einen Monat nach dem tödlichen Schlag, als er bereits in seine düstere Dreizimmerwohnung in der Baldersgatan in Kymlinge gezogen war, tauchte also Gott in einer Reihe schlafloser Nächte auf.

Vielleicht hatte ja Gunnar selbst ihn herbeigerufen. Ihn aus seiner malträtierten Seele hervorprojiziert, um ihn zur Rede zu stellen – aber wie immer es sich auch verhielt, so war es jedenfalls ein langes, ergiebiges Gespräch gewesen, das wie gesagt in dem aktuellen Deal mündete.

Es gab so viele erbärmlich alberne Gottesbeweise, darin waren Gunnar Barbarotti und Der Herr sich einig. Mal wurde das eine, mal das andere kurzlebige Ereignis oder irgendeine theologische Spitzfindigkeit herangezogen, um das sogenannte Grundproblem in trockene Tücher zu packen. Anselm. Descartes. Thomas von Aquino. Was Gunnar suchte – und wofür Gott, wie er behauptete, vollstes Verständnis hatte –, war etwas Handfesteres. Eine einfache, rationale Methode, die die Frage ein für alle Mal beantworten konnte. Das durfte gern einige Zeit in Anspruch nehmen, wie Gott meinte. Ja, sicher, aber nicht allzu lang, meinte Gunnar, der auf seine begrenzte Lebensspanne Rücksicht zu nehmen hatte – und Gott hatte zugehört und war auch ohne unnötiges Palaver auf diese Bedingung eingegangen.

Zum Schluss – die Uhrzeiger näherten sich inzwischen fünf Uhr morgens, und ein vom Teufel georderter Schneepflug hatte angefangen, den Asphalt vor Gunnar Barbarottis Schlafzimmerfenster zu kratzen, dass es Funken schlug – war man sich über folgendes Beweismodell einig geworden:

Wenn Gott tatsächlich existierte, dann bestünde eine seiner wichtigsten Arbeitsaufgaben darin, den Gebeten der armen Menschheit zu lauschen – und diese so weit zu erhören, wie es ihm angemessen erschien. Natürlich besaß er das Recht, die unbefugten und eigennützigen Wünsche umgehend zu verwerfen. Gunnar Barbarotti seinerseits konnte sich nicht daran erinnern, ein einziges Mal in seinem Leben erhört worden zu sein. Tatsächlich?, hatte Gott erwidert. Und wie viele Gebete hast du reinen, ernsten Herzens zu mir herauf geschickt, du agnostische Kanaille? Barbarotti musste zugeben, dass er darüber keinen genauen Überblick hatte, aber so schrecklich viele konnten es natürlich nicht gewesen sein – doch Schluss mit dem Schnee von gestern, jetzt war er bereit, dem Ganzen eine reelle Chance zu geben.

In Ordnung, sagte Gott. We have a deal, sagte Gunnar – als ob die unbedeutende schwedische Sprache nicht in der Lage sei, eine Abmachung dieses Kalibers auszudrücken oder überhaupt zu erfassen.

Die äußere Zeitspanne wurde auf zehn Jahre festgesetzt. Während dieser Zeit sollte Gunnar Barbarotti die angebliche Existenz Des Herrn testen, indem er Gebete zu ihm sandte, so oft es angemessen und berechtigt erschien, um dann – in einem eigens für diese Zwecke angeschafften Notizbuch – zu notieren, inwieweit sie eingelöst worden waren oder nicht.

Es durfte sich dabei natürlich nicht um irgendwelche Idiotenwünsche handeln – große Geldgewinne beim Pferderennen oder Lotto, schöne Nymphen, die aus dem Nichts auftauchten und nichts mehr wünschten, als zu dem Kommissar ins Bett zu schlüpfen, oder ähnliche egoistische Ideen –, sondern sozusagen m uneigennützige, angemessene Wünsche. Die in Erfüllung gehen konnten, wenn man nur ein kleines bisschen Glück hatte, und die niemand anderen betrafen. Eine Nacht guten Schlafes. Gutes Wetter während einer Angeltour. Dass die Tochter Sara ihren Streit mit ihrer besten Freundin Louise in zufriedenstellender Art und Weise regeln würde.

Später hatte Gunnar Barbarotti (in Zusammenarbeit mit Gott natürlich) noch ein Punktesystem entwickelt im Hinblick darauf, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass ein vorteilhaftes Ergebnis einträfe. Wenn Gunnar nicht erhört wurde, bekam Der Liebe Gott jedes Mal einen Minuspunkt – wurde er erhört, konnte er einen, zwei oder sogar drei Pluspunkte bekomme.

Ein Jahr nach der Scheidung existierte Gott nicht. Er hatte insgesamt 18 Pluspunkte gegen insgesamt 39 Minuspunkte erreicht, das heißt, ein Minusergebnis von 21.

Im folgenden Jahr lief es ein wenig besser, und die Balance stand bei minus 15. Im dritten Jahr fiel er wieder auf minus 18 zurück, aber dann im vierten – jetzt laufenden – Jahr kam der Umschwung. Bereits im Mai war der Abstand eingeholt worden, und Mitte Juli existierte Gott tatsächlich mit einem sicheren Vorsprung von sechs Punkten, eine Notierung, die jedoch von einer ziemlich finsteren, verregneten Ferienwoche in Schottland aufgezehrt wurde, einer Mittelohrentzündung sowie einem Herbst, der mit schwerer und nur zäh vorankommender Polizeiarbeit vollgestopft war.

Am heutigen Tag, Donnerstag, dem 22. Dezember, lag Gott zwei Punkte unter der Existenzlinie – neun Tage vor Jahresende. Es waren zwar noch gut sechs Jahre in diesem Marathonlauf zu absolvieren, aber es wäre dennoch lustig, Silvester in der frommen Hoffnung zu feiern, dass es doch eine dem Menschen wohlgesonnene höhere Macht gab, an die man sich in den Stunden der Not wenden konnte.

Fand Gunnar Barbarotti. Vielleicht war das auch der Grund, warum er am Tag zuvor spätabends eine etwas verzweifelte Drei-Punkte-Bitte hinaufgesandt hatte – denn wenn Gott schlau genug war, sie in Erfüllung gehen zu lassen, dann würde sozusagen die Gleichung aufgehen. Zwar nur mit einem einzigen jämmerlichen Punkt, aber in einem PS zu dem Gebet, das er wenige Minuten, nachdem er an diesem Morgen aufgewacht war, abgesandt hatte, also vor nicht einmal einer Stunde –, hatte Gunnar dem eventuell existierenden Allmächtigen versprochen, dass er ihn, so er nur dieses einzige Mal erhört würde, bis Neujahr nicht mit weiteren Bitten belästigen würde. Gott konnte sich also darauf freuen, mindestens zehn Tage in Ruhe gelassen zu werden. Über die Jahreswende hinaus, wäre das nicht eine Feder, die er sich an den Hut stecken mochte?

Worauf Gott geantwortet hatte, dass er zwar keine Kopfbedeckung trage, er sich aber der Sache mit dem üblichen Wohlwollen und der üblichen Redlichkeit annehme.

Es sei etwas eilig, hatte Gunnar angemerkt. Der Zug sollte um 13.25 abfahren, und wenn bis dahin nichts geschehen war, dann konnte man die Sache als gelaufen betrachten. Um es klar zu sagen.

I see, sagte Gott.

Good, sagte Gunnar.

Textauszug aus
Håkan Nesser: Mensch ohne Hund
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt