Håkan Nesser - btb Verlag

Rute, Juni 2011

Es gibt Lücken zwischen den Berichten, ich bin mir ihrer bewusst. Aber ich versuche mich, ungefähr zwischen einem Runenstein und einem Blog zu verhalten. Mit einer Neigung zum Erstgenannten; ich bin einfach zu träge für die sozialen Medien der Neuzeit, in denen man täglich ein verwegenes Loblied ausbrütet, in dem Worte und Gedanken so brandfrisch und prägnant sein sollen und auf die Sekunde genau auf dem Altar abgeliefert werden sollen der da heißt, heute rot, morgen tot. Twitt, twitt, ich bewundere wirklich die Leute, die täglich und sogar stündlich Chroniken schreiben können. Die meisten sich deutlich jünger als der Unterzeichnende. Um die vierzig Jahre jünger oder so.

Besonders so angenehm geruhsame Tage, wie der Vorsommer sie auf dem nördlichen Gotland bietet, möchte ich mich lieber der Betrachtung und dem Schweigen widmen – in erster Linie dem eigenen Schweigen. Die Zeit ist kreisförmig und wiederholt sich, Kommentare erscheinen nicht notwendig, wenn das Schwanenweibchen im Schilfdickicht auf ihren Eiern liegt, wenn Buschwindröschen und Schlüsselblumen in salomonischer Eintracht auf der Lichtung eine Augenfreude bilden (stehen sie nicht eigentlich nur dort, um betrachtet zu werden?), wenn die Lerche im Himmel tirilliert und wenn das Meer zu einer bestimmten Morgenzeit so glatt und ruhig daliegt, dass man auf ihn gehen könnte.

Aber sie eignen sich natürlich gut für einen Spaziergang im Wald, am Strand und über die Klippen – wobei man feststellen kann, dass der gleiche Schwarzspecht an der gleichen Stelle auf der gleichen toten Fichte drei Tage nacheinander gesessen hat. Vielleicht handelt es sich aber ja auch um den gleichen immerwährenden Tag – wie schon gesagt. Unterscheiden sie zwischen gestern, heute und morgen, der Uhu, die Hummeln und die Kaninchen? Ahnen sie, welcher Freiheits- und Todeskampf in der arabischen Welt vor sich geht? Ahnen sie zumindest, dass etwas Ernstes mit unserem blaugrünen Erdball vor sich geht? Erdbeben, Vulkanausbrüche, Orkane, Klimaveränderungen, der Mangel an Phosphor … sieht man unseren Himmelskörper als einen Apfel an, dann befindet sich ja alles bekannte Leben in der dünnen, empfindlichen Schale. Unglaublich, dass sie so lange gehalten hat. Und kein Wunder, wenn es einen inneren Druck gibt.

Zurück zum Begreiflichen: Mir wird bewusst, dass ich jetzt bereits seit ein paar Wochen auf der Insel bin. Ich habe England in einem Zustand des Hochzeitsrausches verlassen, mit blühenden Kastanien und Fliederbüschen, daran erinnre ich mich, und jetzt ist es an der Zeit, all das in den etwas nördlicheren Breitengraden noch einmal zu erleben. Was den Rausch betrifft, so will ich damit auf den royalistischen Lärm anspielen, der genau besehen deutlich weniger Aufmerksamkeit auf sich zog als das schwedische Pendant im letzten Jahr. Obwohl man in der Stadt Winsford on Exmoor, in die wir im Herbst ziehen wollen und in der wir wandernd die Osterwochen verbracht haben, ein Hochzeitsessen im Gemeindesaal (Royal Wedding Party) organisiert hatte. Man sollte nie eine Gelegenheit für eine Feier versäumen, wie bereits meine alten Verwandten in Närke zu betonen pflegten.

Auf jeden Fall erscheint es wie eine Gnade, den britischen Frühling noch einmal erleben zu dürfen; im Gegensatz zum schwedischen beginnt er im Februar und währt in angenehmer, langsamer Steigerung zwei Monate lang. Hier auf Gotland hat er wie üblich zwei Wochen gedauert. Doch der jetzt herrschende Vorsommer ist natürlich auch nicht zu verachten; ganz im Gegenteil, nur dass man das Gefühl hat, als müssten wir uns so schrecklich beeilen, um den Genuss hier oben im Norden auszukosten. Und die ungenießbare Zeit ist so lang.

Ein Hörbuch einzulesen ist weder eine Gnade noch ein Genuss. Jeden Morgen, nach einem langen Spaziergang und dem Frühstück mit der Zeitung vom Vortag, nehme ich Norton mit ins Auto und fahre nach Visby. Unten am Hafen liegt das klassische Musikstudio Sandkvie – in dem viele schwedische Künstler ihre Perlen eingespielt haben – und dort sitze ich in einer schallisolierten Ecke und lese das Buch dieses Jahres: Der Himmel über London. Das Problem ist nur, dass es mehr als 500 Seiten dick ist, jedes Wort muss gelesen werden, und das dauert seine Zeit. Vor allem, wenn es gut klingen soll, und das ist ja der Sinn des Ganzen. Nun ja, das wird schon klappen, jedes Jahr jammre ich deshalb, aber zum aktuellen Zeitpunkt habe ich nur noch ein paar Kapitel übrig, und anschließend werde ich zwei Wochen lang den Schnabel halten. Dem Kuckuck und diesem Schwarzspecht lauschen und im Mädesüß liegen und auf die Walderdbeeren warten. Mit Norton als Kopfkissen, dafür ist er gut geeignet.

Wenn ich nicht mein eigenes Buch lese und den Schwarzspecht verlasse, kommt es vor, dass ich etwas anderes lese. Håkan Andersons “Ansatsemas bok” zum Beispiel; gottseidank hat er gute Rezensionen bekommen, das gibt Hoffnung. Er schreibt mit einer Art bewusst in Stein gehauenen Unschärfe, und gleichzeitig mit einem Sprachgefühl und einer Prägnanz, die außergewöhnlich sind – ganz zu schweigen von seiner Liebe zur Literatur und dem Inhalt an sich. Die Dreißigerjahre in Deutschland, das verlorene Jahrzehnt des Nationalsozialismus’, Leben, das kein Leben wird. Wenn ihr, die ihr zufällig diese Zeilen lest, noch keine Bekanntschaft mit Håkan Anderson gemacht habt, dann ändert das. Vielleicht sollte man am besten mit den früheren Büchern beginnen: Breven, Om en ensamstående herre und Den vita väggen. Sie hängen nämlich alle zusammen, mehr sage ich nicht, aber vertraut in diesem Fall meiner Urteilsfähigkeit. Dieser Autor ist einzigartig in der schwedischen Literatur.

Ein gutes Lesefutter von etwas kleinerem Format ist das Debut von Kristofer Ahlström – Bara någon att straffa. Dunkel, wahr und komprimiert – und außerdem Fårö – nun, das soll für dieses Mal an Buchtipps genügen. In den kommenden Wochen freue ich mich darauf, mich dem 950 Seiten-Monster “Der Turm” von Uwe Tellkamp zu widmen, aber da ich noch nicht angefangen habe, es zu lesen, will ich lieber bis zum Herbst warten, um es zu empfehlen.

Apropos Herr Juholt (ich möchte hiermit gern den Anschein erwecken, als würde ich das politische Geschehen verfolgen): Ich habe vor ein paar Jahren auf einer Milchpackung gelesen (der schmale Weg zu einer gediegenen Bildung), dass während Göran Perssons Zeit als Ministerpräsident kein einziges Kind in unserem Land auf den Namen Göran getauft wurde. Ob es dem schönen Namen Håkan auch so gehen wird, sollten die Sozialisten die nächste Wahl gewinnen?

Und wenn ich schon einmal bei der hiesigen Situation bin, so kann man wohl der Ansicht sein, dass unser Regierungschef abdanken sollte. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt hat er es noch nicht getan, aber den meisten scheint er leid zu tun, und es wird langsam etwas schwierig, ihn weiterhin ernst zu nehmen. Ich glaube, er wird dann in Pension gehen, deshalb braucht er sich also keine Sorgen wegen eines neuen Jobs zu machen.

Das dazu, auf Wiederhören ungefähr im August. Nur noch eins: Ich habe gerade entdeckt, dass ein Amselweibchen in unserem Holzvorrat auf ihren Eiern brütet. Also ist für den musikalischen Nachwuchs gesorgt.

Mit verbindlichen Grüßen

Ihr Håkan Nesser

 

Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt

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2011